Experteneinschätzung zu Naturgefahren und Rückversicherung

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Naturgefahren verändern den Rückversicherungsmarkt. Warum Versicherbarkeit künftig von Risikomanagement abhängt – im Experteninterview mit Stephan Dorner.

Wetterbedingte Naturkatastrophen zählen heute zu den zentralen Risiken mit hoher betriebsunterbrechungsrelevanter Wirkung. Neben Feuer und Cyberrisiken nehmen Naturgefahren aufgrund ihrer kumulativen Schadenwirkung eine besondere Rolle ein. Anders als Einzelschäden betreffen sie häufig ganze Regionen gleichzeitig und stellen damit insbesondere den Rückversicherungsmarkt vor erhebliche Herausforderungen.

Der Rückversicherungsmarkt übernimmt hierbei eine entscheidende Stabilitätsfunktion, ist jedoch zunehmend auf verlässliche und qualitativ hochwertige Risikoinformationen angewiesen. Veränderungen in der Flächennutzung, zunehmende Versiegelung sowie verdichtete Bebauung führen dazu, dass historische Daten allein nicht mehr ausreichen. Die tatsächliche Risikosituation vor Ort weicht oft von globalen Modellannahmen ab, was die Zeichnungsbereitschaft zusätzlich beeinflusst.

In der Praxis zeigt sich, dass Rückversicherer weniger über Prämienanpassungen reagieren, sondern vor allem über strengere Zeichnungskriterien, reduzierte Kapazitäten und erhöhte Anforderungen an das Risikomanagement. Diese Vorgaben wirken direkt auf Erstversicherer und führen dort zu konservativeren Entscheidungen, höheren Selbstbehalten oder eingeschränkter Deckung.

Langfristig wird sich die Versicherbarkeit von Naturgefahren nur dann sichern lassen, wenn Risikomanagement konsequent vor Versicherung gedacht wird. Präventive Maßnahmen, fundierte Standortanalysen und eine realistische Bewertung von Eintrittswahrscheinlichkeiten und Schadenpotenzialen sind entscheidend. Ohne diese Entwicklung droht mittelfristig ein weiterer Rückzug aus der Deckung von Naturgefahren – mit erheblichen volkswirtschaftlichen Konsequenzen.

Die zentrale Botschaft lautet daher: Nachhaltiges Risikomanagement ist kein Kostenfaktor, sondern eine strategische Investition in Versicherbarkeit, Resilienz und langfristige Stabilität.

Dieser Text entstand im Rahmen eines fachlichen Experteninterviews zum Thema wetterbedingte Naturgefahren und deren Auswirkungen auf den Versicherungs‑ und Rückversicherungsmarkt. Ziel des Austauschs war es, praxisnahe Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und zukünftige Trends im Risikomanagement zu gewinnen – insbesondere aus der Perspektive eines langjährig erfahrenen Praktikers.

Initiator und Interviewer des Gesprächs ist Roman Welzel, der sich im Zuge einer wissenschaftlich‑praxisorientierten Projektarbeit intensiv mit Naturkatastrophenrisiken, Rückversicherung und Risikosteuerung auseinandersetzt. Der Fokus liegt dabei auf der Verbindung von theoretischen Modellen mit realen Marktmechanismen und Entscheidungsprozessen innerhalb der Versicherungswirtschaft.

Als Interviewpartner stand Stephan Dorner zur Verfügung, Geschäftsführer und Gründer von risk on mind sowie Management Consultant im Bereich Risiko‑ und Versicherungsmanagement. Mit über drei Jahrzehnten Erfahrung in der Versicherungsbranche – unter anderem in leitenden Funktionen im Risikomanagement eines europäischen Versicherers – verfügt er über fundiertes Fachwissen in den Bereichen Sachversicherung, Naturgefahren, Betriebsunterbrechung und strategisches Risikomanagement. Heute begleitet er mit risk on mind Unternehmen bei der Analyse, Bewertung und Reduktion komplexer Risiken und unterstützt sie dabei, Versicherbarkeit langfristig zu sichern.

Das Gespräch basiert auf einem offenen, fachlich tiefgehenden Dialog und reflektiert bewusst eine praxisnahe Sichtweise. Es verbindet Marktbeobachtungen, Erfahrungswerte und kritische Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen im Rückversicherungsumfeld – insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Extremwetterereignisse, veränderter Risikoprofile und steigender Anforderungen an Prävention und Risikotransparenz.