
Kommentar: Wenn die Klimakrise plötzlich vor der eigenen Haustür steht
Die Auswirkungen des Klimawandels sind keine abstrakten Szenarien mehr. Anhand persönlicher Erlebnisse in der Lobau zeigt risk on mind CEO Stephan Dorner, warum Resilienz und Vorbereitung wichtiger sind denn je.
Ich wohne direkt an der Grenze zur Lobau (gehört sie zu den letzten großen, intakten Tiefland-Flussauen Mitteleuropas).

Bild: Lobau vorher
Genau dort, wo man eigentlich Natur, Ruhe und ein Stück unveränderte Landschaft erwartet. Lange Zeit war das für mich selbstverständlich. Heute ist es das nicht mehr.
Innerhalb von weniger als zwei Jahren habe ich Ereignisse erlebt, die ich früher eher mit Nachrichten aus anderen Teilen der Welt verbunden hätte.
Im September 2024 stand das Hochwasser der Lobau plötzlich vor meiner Haustüre. Am Ende war es ein Damm und vielleicht ein halber Meter Höhenunterschied, der mein Haus vor einer Überflutung bewahrte. Der Damm hat gehalten. Zum Glück.

Bild: Lobau nach dem Hochwasser 2024
Im Juli und August der letzten Jahre kletterten die Temperaturen immer häufiger auf über 40 °C. Das Thermometer auf meiner Terrasse zeigte 41 °C. In Wien. Nicht in Südeuropa. Nicht in der Wüste. In Wien.

Bild: Temperaturen im Sommer
Und nun, im August 2026, brannten nur wenige hundert Meter von meinem Haus entfernt rund 18 Hektar der Lobau. Die Bilder sprechen für sich. Schwarze Erde, verkohlte Bäume, zerstörte Lebensräume. Orte, an denen ich noch vor kurzem mit meinem Hund spazieren gegangen bin.

Bild: Brand im August 2026
Ich muss zugeben, dass mich das frustriert.
Nicht, weil diese Ereignisse überraschend kommen. Sondern weil wir seit Jahren über Klimawandel, CO₂-Ausstoß, Temperaturanstieg und Extremwetter diskutieren, während die Auswirkungen immer sichtbarer werden. Und weil viele von uns noch immer denken, dass die wirklich großen Probleme irgendwo anders stattfinden.
Tun sie nicht.
Sie passieren längst vor unserer Haustür.
Als Risikoingenieur beschäftige ich mich beruflich mit Gefahren, deren Eintrittswahrscheinlichkeit und möglichen Folgen. Genau deshalb fällt es mir schwer, die aktuellen Entwicklungen als einzelne Zufälle zu betrachten. Hochwasser, Dürre, Waldbrände und Hitzewellen treten nicht isoliert auf. Sie sind Teil einer Entwicklung, die wir zunehmend messen, beobachten und erleben können.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Umwelt- oder Naturschutz.
Es geht um die Belastbarkeit unserer Infrastruktur.
Schon heute geraten Stromnetze während extremer Hitzeperioden an ihre Grenzen. Elektrische Anlagen, Transformatoren, Rechenzentren und Produktionsanlagen verlieren mit steigenden Temperaturen an Leistungsfähigkeit oder benötigen deutlich mehr Kühlung. Viele technische Systeme werden für Umgebungstemperaturen von bis zu etwa 40 °C ausgelegt. Wenn Außentemperaturen regelmäßig darüber liegen, werden Ausfälle wahrscheinlicher und Sicherheitsreserven kleiner.
Die Folge kann eine gefährliche Kettenreaktion sein: Steigt der Strombedarf für Klimaanlagen und Kühlung, während gleichzeitig die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur sinkt, wächst das Risiko regionaler Versorgungsengpässe. Fällt die Kühlung aus, leiden zuerst die Schwächsten. Ältere Menschen, Kranke und Kinder. Hitzebedingte Todesfälle nehmen schon heute europaweit zu.
Auch die Industrie wird die Veränderungen zunehmend spüren. Produktionsprozesse, Lagerung, Kühlung, Brandschutz, Wasserversorgung und Arbeitsschutz müssen an neue klimatische Bedingungen angepasst werden. Viele der Vorbereitungen, die dafür notwendig sind, hätten eigentlich schon vor Jahren beginnen müssen.
Was mich besonders beschäftigt: Wir sprechen oft über ein weiteres Grad Erwärmung, als wäre das eine kaum wahrnehmbare Veränderung. Tatsächlich liegen zwischen einem heißen Sommertag und einer kritischen Belastung für Mensch und Technik oft nur wenige Grad Celsius.
Zwei Grad mehr erscheinen harmlos.
In Wirklichkeit können sie darüber entscheiden, ob ein Waldbrand kontrollierbar bleibt oder außer Kontrolle gerät. Ob ein Stromnetz stabil bleibt oder überlastet wird. Ob Menschen eine Hitzewelle gesund überstehen oder nicht.

Bild: Brand in der Lobau im August 2026
Vielleicht wird mein Haus an der Lobau auch in Zukunft noch durch Hochwasser bedroht sein. Vielleicht werden die Sommer noch heißer werden und Waldbrände häufiger auftreten. Aber die entscheidende Frage ist nicht, ob eine einzelne Person die Welt verändern kann. Die entscheidende Frage ist, ob Millionen Menschen glauben, dass ihr eigener Beitrag bedeutungslos ist. Denn genau dann wird sich nichts ändern. Wenn aber nur 5 % von uns heute beginnen, Verantwortung zu übernehmen, werden unsere Kinder und Enkel in einer völlig anderen Welt leben als in jener, die wir derzeit für unausweichlich halten. Die ersten Auswirkungen werden sie nicht erst in Jahrzehnten sehen. Die ersten Auswirkungen beginnen morgen.
Ich möchte diesen Beitrag nicht als politischen Appell verstanden wissen.
Aber als gesellschaftliche Realität.
Wir werden uns an die Veränderungen anpassen müssen. Privat, kommunal und in der Wirtschaft. Gleichzeitig werden wir die Ursachen adressieren müssen. Denn Anpassung allein wird nicht reichen.
Die Bilder aus der Lobau zeigen kein zukünftiges Szenario. Sie zeigen das Jahr 2026.
Die Frage ist nicht mehr, ob sich unser Klima verändert.
Die Frage ist, wie gut wir vorbereitet sind.
Und ob unsere Kinder und Enkel eines Tages noch jene Landschaften vorfinden, die wir heute als selbstverständlich betrachten.
Stephan Dorner
Groß-Enzersdorf, August 2026



